Obwohl es einiges an Mühe kostete, diesen Ort fotografieren zu können, ist mir auch bewusst: Wenn vier Menschen, die nur Fotos machen und dafür nichts aufbrechen, das radioaktive Material erreichen können, dann können es auch Menschen mit wirklich schlechten Absichten. Von den Trophäenjägern, die schlicht Diebstahl begehen, oft unter erschwerenden Umständen, rede ich dabei noch gar nicht. In der brasilianischen Stadt Goiânia geschah einmal etwas Ähnliches: Dort nahmen Hausbesetzer radioaktives Material aus einem Krankenhaus mit. Innerhalb eines Monats starben vier Menschen an der hohen Strahlendosis; wegen der Strahlung wurden sie in Bleisärgen bestattet und in Beton eingeschlossen. Fast 30 Menschen wurden schwer und 250 weniger schwer kontaminiert. Das Ereignis wurde später als Goiânia-Unfall bekannt.
In diesem Blog nutze ich die Gelegenheit, etwas mehr über mein Hobby zu erzählen: was dazugehört, einige ungeschriebene Regeln und was man an solchen Orten antreffen kann. Urbex, eine Kurzform von Urban Exploration, bedeutet eigentlich nicht mehr und nicht weniger als das Entdecken verlassener Orte, die von Menschen genutzt werden oder wurden. Manche gehen sogar so weit, auch die Erkundung noch genutzter Orte dazuzuzählen. Das nennt man Infiltration. So weit gehe ich selbst nicht: Beim Urbex beschränke ich mich auf Orte, die einmal genutzt wurden, jetzt aber nicht mehr von Menschen genutzt werden. Verlassene Orte, die erst vor Kurzem außer Gebrauch geraten sind und noch vor den Blicken der breiten Öffentlichkeit verborgen bleiben, üben oft eine große Anziehungskraft auf Menschen mit diesem Hobby aus. Ich selbst bevorzuge eindeutig Schwerindustrie, religiöse Gebäude und alte Schlösser. Erstere wegen der Größe der Anlagen, die beiden anderen wegen der Schönheit der Gebäude und ihrer besonderen Architektur. Außerdem habe ich eine gewisse Vorliebe für Krankenhäuser, auch psychiatrische, vor allem wegen der Atmosphäre, die man dort manchmal antrifft.
Meine Besuche und Erkundungen versuche ich immer möglichst naturgetreu festzuhalten. Die Fotos in der Rubrik Urbex auf meiner Website erzählen vor allem die Geschichte des Gebäudes und möglichst auch seiner Nutzer. In meiner Urbexrubrik gibt es keine HDR-Fotos mit extremen, stimmungsvollen Bearbeitungen. Sie zeigen nämlich nicht, wie ein Ort tatsächlich aussieht, sondern liefern lediglich schöne Bilder. Diese Entscheidung trifft jeder für sich. Mein Urbex zielt vor allem darauf, ein Gebäude oder einen Ort so darzustellen, wie ich ihn bei meinem Besuch sah. Auf meiner Website habe ich einen ausführlicheren Artikel über Urbex und die Gesetze geschrieben, mit denen man bei diesem süchtig machenden Hobby unweigerlich zu tun bekommt.
Das Suchen und Finden von Orten war lange ein wichtiger Teil dieses Hobbys. Inzwischen scheint es vielen jedoch nur noch darum zu gehen, möglichst viele Orte in möglichst kurzer Zeit zu fotografieren. Die Folge ist, dass Orte binnen kürzester Zeit überlaufen sind und, schlimmer noch, beschädigt werden oder Dinge verschwinden. Dabei zeige ich nicht nur auf sogenannte Urbexer. Ich weiß aber, dass manche es mit der goldenen Regel nicht so genau nehmen: „take nothing but pictures and leave nothing but footprints“.
Um es klar zu sagen: Diese Blogbeiträge sollen niemanden dazu anregen, dieses Hobby auszuüben. Inzwischen nennen sich so viele Menschen Urbexer, dass ich selbst kürzergetreten bin und wieder mehr gewöhnliche Fotografie als Urbexfotografie betreibe. Mit diesen Beiträgen möchte ich einen Einblick geben, wie solche Fotos entstehen und was man manchmal dafür tun muss. Die meisten Orte liegen schließlich nicht im eigenen Wohnort. Wegen der Lichtverhältnisse, der Erreichbarkeit und anderer äußerer Einflüsse sind sie manchmal schwer zu fotografieren.
In den Jahren, in denen ich aktiv Urbex betreibe, bin ich schon auf einiges gestoßen. Ein Stück radioaktives Material, mit dem man eine schmutzige Bombe bauen könnte, war allerdings der Gipfel. In verlassenen Häusern findet man neben vielen persönlichen Dingen und Schmuck oft auch erhebliche Geldbeträge. Waffen und Munition begegnen einem in verlassenen belgischen Häusern ebenfalls gelegentlich. Auch in Firmengebäuden bleiben manchmal größere Geldsummen oder Wertsachen zurück. Mitunter hängt das mit einer Insolvenz oder dem plötzlichen Tod des Bewohners oder Eigentümers zusammen. Trotzdem bleibt es bizarr, dass sich niemand mehr darum kümmert und alles einfach liegen bleibt. Früher war ich auch in Häusern, in denen ich mich regelrecht unwohl fühlte. Solche Orte interessieren mich deshalb nicht mehr. In diesen Häusern war der gesamte Hausrat zurückgeblieben: Familienfotos, Fotoalben, aber auch persönliche und intime Dinge. Nach zwei solchen Besuchen hatte ich genug. Ich fühlte mich eher als Voyeur denn als jemand mit aufrichtigem Interesse an verlassenen Orten. Seitdem lasse ich solche Orte links liegen und beschränke mich auf die Objekte, die mich tatsächlich interessieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich außerdem, dass bei einer Ausschlagung des Erbes durch die Familie im Grunde nur die Beerdigung oder Einäscherung von der Gemeinschaft organisiert wird. Der Besitz bleibt unberührt, auch wenn er sehr wertvoll ist. Selbst ein Möbelgeschäft mit vollständigem Inventar verrottet seit Jahren, obwohl damit viele bedürftige Familien mit guten Möbeln hätten versorgt werden können.
Zurückgelassene Gegenstände sind ein schwieriges Thema. Einerseits möchte man nicht, dass sie in falsche Hände geraten. Andererseits bewege ich mich selbst am Rand des Gesetzes und überschreite ihn manchmal, wenn der Zutritt verboten ist. Dann zur örtlichen Polizei zu gehen und zu sagen: „Ich war gerade in dem verlassenen Haus und habe dort ein Gewehr mit Patronen gesehen“, ist auch so eine Sache… In meiner Vorstellung sehe ich schon den Schlagstock auf dem Tisch liegen und höre einen ehemaligen belgischen Gendarmen fragen: „Na, was haben Sie denn da gemacht?“ In Deutschland ist es noch schwieriger. Dort gibt es im Hausfriedensbruch den Begriff „das befriedete Besitztum eines anderen“, und die Polizei muss bei Kenntnis einer Straftat die Verfolgung einleiten. Einen Ermessensspielraum bei der Verfolgung wie etwa in den Niederlanden und Belgien kennt man dort nicht.
Nach dem Besuch des unten gezeigten Ortes habe ich ebenfalls lange darüber nachgedacht, den gefundenen radioaktiven Stoff zu melden. Aber wo meldet man das, und welche Folgen hat es für einen selbst? Inzwischen habe ich erfahren, dass das Labor noch immer nicht geräumt ist. Weitere Fotos habe ich allerdings kaum oder gar nicht mehr gesehen. Offenbar wurde auch den Besuchern klar, dass dies kein gewöhnliches Labor war und dass man diesen Ort nicht einfach anderen bekannt machen sollte…













Wat een bijzonder verhaal.
En wat een mooie overzichtelijke website.